„Keine Angst vor der Zukunft“

Interview mit den Prognos-Direktoren Dr. Michael Schlesinger und Dr. Oliver Ehrentraut

Prognos-Direktor Dr. Oliver Ehrentraut (Bildnachweis: Istvan Pinter)

Herr Schlesinger, Herr Ehrentraut, Sie sind die Projektleiter des Deutschland Reports – einer mehrere hundert Seiten dicken Studie zur Zukunft Deutschlands, die zum Jahreswechsel 2018/2019 erscheint. Wenn Sie dem Leser nur ein einziges Ergebnis mitteilen könnten, welches wäre es?

Dr. Michael Schlesinger: Meine Botschaft ist: Wir sollten keine Angst vor der Zukunft haben. Der Report zeigt, dass die wirtschaftlichen Perspektiven für Deutschland insgesamt gut sind. Aber wir müssen die Herausforderungen durch den demografischen Wandel, die veränderten globalen Bedingungen und die Digitalisierung offensiv angehen.

Dr. Oliver Ehrentraut: Dem kann ich mich nur anschließen. Deutschland geht es gut und dabei wird es auch bleiben. Voraussetzung dafür ist, dass politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich die richtigen Weichenstellungen vorgenommen werden. Die zentrale Aufgabe wird es sein, die grundsätzlich positive wirtschaftliche Entwicklung für alle Bevölkerungsteile und Regionen spürbar zu machen.

Die Studie schaut bis zu 30 Jahre in die Zukunft. Wie haben Sie das eigentlich gemacht?
Ehrentraut: Kern unserer Arbeit sind modellgestützte Analysen. Dafür hegen wir seit vielen Jahren unseren ökonomischen Modellapparat, pflegen unzählige Daten und denken über die richtigen Formeln und Annahmen nach. Gepaart mit dem wissenschaftlichen Sachverstand unserer Expertinnen und Experten haben wir die zentralen Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft – etwa die Demografie oder den technischen Fortschritt – herausgearbeitet und detailliert untersucht. Unser Ziel ist es, Orientierung zu geben in bewegten Zeiten. Und das ganz bewusst mit langfristiger Perspektive, denn die Auswirkungen vieler Entscheidungen entfalten sich erst Jahre oder Jahrzehnte später. Ein Investitionszyklus kann fünf bis zehn Jahre dauern, eine Infrastrukturentwicklung braucht womöglich 20 Jahre und eine Rentenreform muss für 30 und mehr Jahre Stabilität bringen.

Sie schreiben in dem Report, dass die Globalisierung weiter voranschreiten wird – trotz der Handelskonflikte, die derzeit Schlagzeilen machen. Wieso?

Schlesinger: Zunächst einmal betreffen die verhängten Zölle nur einen vergleichsweise kleinen Teil der international gehandelten Güter. Generell rechnen wir damit, dass sich die ökonomische Vernunft in der Politik durchsetzt. Denn auf Dauer wird sich eine Politik, die zulasten der Beschäftigung geht, nicht durchhalten lassen. Abgesehen davon erwarten wir, dass die Mittelschichten in den heutigen Entwicklungs- und Schwellenländern wachsen. Das führt einerseits zu einer steigenden Nachfrage nach Produkten aus den Industrieländern. Andererseits entstehen neue attraktive Produktionsstandorte, deren Erzeugnisse auch exportiert werden. Und nicht vergessen sollte man die technologische Entwicklung. Neue patentgeschützte technische Produkte sichern einzelnen Unternehmen vorübergehende Monopole, die den internationalen Handel begünstigen.

In Diskussionen über die Zukunft fällt immer wieder das Stichwort Digitalisierung. Der Deutschland Report behandelt das Thema intensiv. Was sind Ihre Erkenntnisse – nehmen uns in den nächsten Jahrzehnten die Roboter die Arbeitsplätze weg?

Schlesinger: Jein. Durch die Digitalisierung wandeln sich zahlreiche Berufsbilder und viele Tätigkeiten. Vor allem Routinearbeiten werden wegfallen und zwar sowohl körperliche als auch intellektuelle. Gleichzeitig schafft die Digitalisierung neue Berufe und Betätigungsfelder. Generell werden in Zukunft Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und Kreativität noch sehr viel wichtiger werden als heute. Zum Beispiel wird es für einen Fertigungsingenieur nicht mehr ausreichen, Produktionsanlagen optimal zu gestalten. Vielmehr wird er sich auch Gedanken darüber machen müssen, wie Roboter funktionieren und aussehen sollten, damit sie optimal mit Menschen zusammenarbeiten und von diesen akzeptiert werden. Dabei spielt auch Psychologie eine Rolle. Aufgrund dieser Veränderungen sind Flexibilität und lebenslanges Lernen unverzichtbar, um die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und auch weiterhin einen Job zu finden.

Ehrentraut: Technologischen Fortschritt gab es schon immer. Digitalisierung ist letztlich nichts anderes. Und Fortschritt führt zu Veränderung. Düstere Prognosen über technologische Arbeitslosigkeit wurden schon vor knapp 100 Jahren gemacht – sie waren damals falsch und sind es heute auch. Klar ist, dass sich die Art, wie wir arbeiten, weiter verändern wird. Und wohl auch schneller als das früher der Fall war. Letztlich arbeiten Roboter mit dem Menschen zusammen, nicht an seiner Stelle.

Was bedeutet eine derart veränderte Arbeitswelt denn für den Sozialstaat?

Ehrentraut: Die Generationenverträge der sozialen Sicherung müssen auf den Wandel der Arbeitswelt vorbereitet werden. Dazu gehört die Frage, ob das sogenannte Normalarbeitsverhältnis auch künftig die richtige Finanzierungsgrundlage für die Sozialversicherungen bietet. Zwar sehen wir nicht, dass Click- und Crowdworking die dominanten Arbeitsformen der Zukunft sind. Dennoch sollten Systeme wie die gesetzliche Rentenversicherung modernisiert werden. Es ist zu prüfen, ob nicht beispielsweise eine Erwerbstätigenversicherung der neuen Arbeitswelt besser gerecht wird als die heutige Sozialversicherungspflicht.

Schlesinger: Die Anpassung der sozialen Sicherungssysteme ist auch aus meiner Sicht eine der entscheidenden Zukunftsfragen für Deutschland. Dabei hilft es nicht, einfach ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern, wie dies hin und wieder getan wird. Vielmehr sind die Reformoptionen und ihre Konsequenzen gründlich zu prüfen und zu quantifizieren. Denn es wäre fatal, so weit in die Zukunft reichende Entscheidungen ohne eine belastbare Basis zu treffen.

Prognos-Direktor Dr. Michael Schlesinger (Bildnachweis: vbw)

In Anbetracht all dieser Entwicklungen – beschäftigt sich die Politik heute mit den richtigen Themen?

Ehrentraut: Wir versuchen, mit dem Deutschland Report die mittel- und langfristigen Auswirkungen heutiger Politik aufzuzeigen. Damit wollen wir Orientierung geben. Es ist wichtig zu verstehen, wo die Reise hingeht, wenn man heute bestimmte Entscheidungen trifft – oder nicht trifft. Unsere Analysen geben durchaus Hinweise auf Politikfelder, in denen es besser oder schlechter läuft. So sehen wir etwa, wie eingangs gesagt, Deutschland auf einem relativ stabilen Wachstumspfad. Dabei verschärfen sich allerdings die regionalen Unterschiede im Land. Hier fehlen überzeugende Konzepte.

Schlesinger: Ich würde sagen, die Politik beschäftigt sich nur zum Teil mit den richtigen Themen. Im Zentrum politischer Aktivitäten stehen meist eher kurzfristige Themen, die unmittelbar Entscheidungen verlangen. Langfristfragen treten demgegenüber in den Hintergrund. Und das, obwohl sie unser Leben zukünftig massiv beeinflussen könnten. Neben der schon erwähnten sozialen Sicherung trifft das unter anderem auf den Klimaschutz zu. Der Klimawandel vollzieht sich allmählich, und nur nach Extremwetterereignissen ist das Thema kurz auf der politischen Agenda, um dann schnell wieder zu verschwinden. Dabei müssen wirkungsvolle Maßnahmen schnell ergriffen werden. Denn je später das passiert, umso stärker wird sich das Klima verändern. Hier müssen ganz dicke Bretter gebohrt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Klimaschutzanstrengungen am besten in internationaler Abstimmung erfolgen. Und auch da hakt es ja im Moment. Gerade in Fragen, die unser Leben und unsere Gesellschaft langfristig verändern können, würde ich mir mehr sachorientierte Politik wünschen. Der Deutschland Report blickt weit in die Zukunft – so wollen wir auf diese Themen aufmerksam machen.